Jugend

Die Radsport-Karriere war Uwe Peschel eigentlich in die Wiege gelegt. Sollte man zumindest meinen. Doch lange sah es gar nicht danach aus, dass Uwe einmal einer der weltbesten Zeitfahrer werden sollte. Aber der Reihe nach.

Als Uwe am 4. November 1968 im Herzen von Berlin zur Welt kam, hatte sein Vater Axel gerade die Friedensfahrt gewonnen. Die 14-tägige Rundfahrt war für die damaligen Ostblockstaaten so bedeutend wie die Tour de France. Die Friedensfahrt war ein Klassiker, ein Straßenfeger. Auch Uwe klebte förmlich während seiner Kinder- und Jugendzeit bei der Friedensfahrt am Fernseher. „Diese war in der DDR ein Stück Kultur“, erinnert er sich. „Zuerst kam der Sandmann, danach die Zusammenfassung des Tages.“ Doch weiter ging die Radsportbegeisterung bei Uwe zuerst nicht. Denn die Lust am ersten Fahrrad verlor er schnell. „Mit fünf Jahren kaufte mir mein Vater das erste Rad“, erzählt Uwe. „Aber ich habe mich angestellt wie bei der ersten Mondlandung.“ Häufig war der Knirps in Stürze verwickelt und kam mit blutigen Knien und tiefen Schrammen nach Hause. Also verlor das Rad seinen Reiz.

Doch Axel Peschel gab so schnell nicht auf. Als Uwe zwölf Jahr alt war, schenkte er ihm ein Rennrad. Es war ein Versuch, seinen Sohn von dieser Sportart zu überzeugen. Aber auch das sollte nicht funktionieren. Denn der Junior, mittlerweile zwar sturzsicherer, knallte das Rennrad erneut lustlos ins Eck. Und dort verstaubte es langsam. Zwei Monate später gab sein Vater – der seine Karriere zu dieser Zeit beendet hatte und Trainer war – das Rad tief enttäuscht wieder weg.

Doch die Wende kam just zu dem Zeitpunkt, als Uwes Lebensweg eigentlich fix war. „Ich wollte Förster werden“, erinnert er sich. Und: Er hatte bereits den Förster gekannt, den er einmal beerben sollte. Für die Ausbildung kam er dafür ins Internat, 30 Kilometer von zu Hause weg. Es war der Wink des Schicksals. Denn für die fast täglichen Nach-Hause-Fahrten nahm Uwe das Rad. „Das hat mir dann immer mehr Spaß gemacht“, erzählt er. Schnell wurden aus den Heim-Fahrten längere Radtouren.

Den letzten Ausschlag in Richtung Radsport-Karriere gab ausgerechnet eine Urlaubstour an die Ostsee. „Bei der Rückfahrt hat mein Vater in einem Anflug von Größenwahn zu meiner Mutter gesagt: ,Wir treffen uns unterwegs und falls wir nicht dort sind, sind wir bereits weitergefahren und Du musst uns nicht mitnehmen.‘“ Was Axel Peschel nicht einkalkuliert hatte: Knackiger Gegenwind, zwei Platten, schwere Stahlräder und Handys waren zu der Zeit noch nicht einmal erfunden. Es kam so, wie es kommen musste: „Wir waren nicht am Treffpunkt und meine Mutter ist einfach weitergefahren.“ Spät am Abend folgte schließlich der Anruf von einer öffentlichen Telefonzelle. „Wir sind noch unterwegs, aber wir fahren jetzt durch.“ Ohne Licht am Rad, aber mit großem Willen im Gepäck strampelten die Peschels nach Hause. Letzten Endes standen 280 Kilometer auf dem Tacho. „Als ich dann am Tag darauf nicht einmal Muskelkater hatte, sagte mein Vater: ,Und Du fährst jetzt Rad!‘“ Flugs meldete Axel, zusammen mit seinem Freund und Jan-Ullrich-Mentor Peter Becker, seinen Sohn Uwe bei der Betriebssportgruppe an. 14 Tage später fuhr Uwe seinen ersten Wettkampf, ein Zeitfahren. Das Talent für diese Disziplin zeigte sich bereits da: Er gewann sofort. „So hatte meine Lebensplanung doch noch eine Abzweigung genommen“, sagt Uwe und lacht.

Wenig später kam der Einberufungsbefehl zur Armee. „Durch das Radfahren hatte ich die Möglichkeit in der Sportgruppe meine Armeezeit zu absolvieren. Ob Dienst an der Waffe, oder Sport: Selbstverständlich habe ich mich deshalb für das Radfahren entscheiden“, erzählt Uwe. Das Training sollte sich auszahlen: Ein Jahr später, mit 18, gehörte er bereits zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Der Weg für eine erfolgreiche Amateur- und Profikarriere war nun geebnet.